Blog Hotel Sylter Hof *Berlin*

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Unser Nachtportier erzählt: Erlebnisse in der Tram oder Theater ohne Geld (2)

März 31st, 2011· Keine Kommentare

Seit der ersten Schilderung bin ich wieder viele hundert Kilometer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren und konnte einiges an Komischem und Erzählenswertem erleben.

Hier nun das Neueste: An einem frostklaren Montagmorgen sitze ich in meiner gut geheizten Tram M6, eine junge Frau steigt ein und trägt so einen modernen Iso-Becher vor sich her. Sie setzt sich unweit von mir hin und beginnt den Becher zu öffnen – ich freue mich schon auf den verführerischen Kaffeeduft (alle betreffenden Nerven- und Geruchszellen ebenfalls). Dann folgt der Hammer: Ein betäubender Schafgarben/Kümmel/Tausendgüldenkraut-Duft breitet sich explosions-artig aus und mir wird vor Enttäuschung übel.

Abends erlebe ich (á la „Und täglich grüßt das Murmeltier“) immer wieder die nichtautobesitzende oder auch nur benzinsparende Klientel des blau-gelben Möbelriesen, welche Unmengen an Brettern, schrumpffolien-verpackten Bildern und ähnliches nach Hause befördert. Wie schlimm muss das tagsüber bei den Rückrufaktionen besagten Unternehmens sein!?

Letztens saß in der Reihe vor mir ein junger Rotschopf (von hinten leider nicht als weiblich oder männlich zu erkennen) und begann konvulsivisch zu zucken. Ich wollte schon aufspringen und Erste Hilfe leisten, da entdeckte ich in der roten Haarpracht ein Paar Kopfhörer – alles war schick und erklärte sich so von allein. Dann, einige Haltestellen später, animierte die Musik den Kopf vor mir zu Bewegungen, wie sie indische Tempeltänzerinnen vollführen – Sie wissen schon: So von links nach rechts schlängelnd und zurück. Die zu erwartende Steigerung erlebte ich leider nicht mehr – ich musste aussteigen.

Ausnahmsweise fahre ich auch mal am Tage Tram, nämlich wenn ich unsere Enkelin Gina von der Kita abhole. Da wurde ich ungewollt Beobachter eines Vorfalles, welcher mich zum Nachdenken über Fastfood und andere Gewaltorgien bei der Nahrungsaufnahme veranlasste: Ein endomorph (geschickte Umschreibung für massig/dicklich) gebauter etwa 6 – 8jähriger Junge hievte sich im vorderen Teil des Wagen auf eine Technikbox (beherbergt meist das Bedienteil für die Rollstuhlrampe o. ä.) und fand sich zwischen einer senkrechten Haltestange und der Rückenlehne eines Fahrgastsitzes wieder. Dieser junge Vertreter der Cola/Pommes-Generation zückte folgerichtig ein Smartphone und beglückte alle umsitzenden Fahrgäste mit lautem Rap. Die Endhaltestelle nahte und der Knabe wurde unruhig, er zappelte und strengte sich an auf den Boden zu gelangen. Nichts – er klemmte fest! Schwitzend mühte er sich, jedoch vergeblich. Ein älterer Herr und ich nahmen kurzen Blickkontakt auf und zogen den Jungen vorsichtig aus der Bredouille. Wir nahmen ihm das Versprechen ab, nur noch drei Burger pro Woche zu verzehren und dafür 500 Meter täglich mehr zu laufen.

So kommt nie Langeweile beim Tramfahren auf; besonderen Unterhaltungswert haben Fahrausweis-Kontrollen – aber davon das nächste Mal./HT

Tags: Nachtgeschichten

Von: BS