Unser Nighty erzählt …

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Unser Nighty erzählt …

Dezember 23rd, 2015· Keine Kommentare

NightyB

Weihnachten vor 50 Jahren

Seit einigen Wochen bastelten wir Kinder Strohsterne. Dazu hatten wir in der Drogerie ein Bündel goldgelbes Roggenstroh für 80 Pfennige gekauft. Die Halme wurden auf Länge geschnitten, ein paar davon drückte meine große Schwester mit dem mäßig erhitzten Bügeleisen platt. Diese wurden dann mit einer Rasierklinge halbiert und kunstvoll mit den Halmstückchen zu den Sternen aller Art zusammengebunden oder auch geklebt.
Beliebt waren auch Laubsäge-Basteleien: Das Ausgangsmaterial Sperrholz kaufte man in Heimwerkerläden als rechteckige Platten, zeichnete darauf seine Vorlage (Wichtel, Rehe, Tannenbäume o. ä.) und sägte sie grob zu. Die Feinarbeit erledigte man dann mit dem dünnen Drahtsägeblatt der Laubsäge. Eine Herausforderung bildeten dann die Formen, welche innen lagen. Dazu bohrte man ein feines Loch, fädelte das Sägeblatt durch und sägte dann das Material heraus. Je nach Vorlage wurde dann das Holz bemalt, gebeizt oder lackiert. Die Mädchen und Frauen handarbeiteten viele Geschenke als Strick- oder Häkelsachen und beglückten alle Verwandten mit Mützen, Handschuhen und Schals.
Natürlich gab es auch gekaufte Geschenke: Puppen, Stofftiere, Modell- und Aufziehautos, Eisenbahnen aller Spurweiten, Holz- oder Luftroller und Spiele aller Art.
Die Geschenke wurden liebevoll verpackt (teilweise in aufgebügeltes Weihnachtspapier vom Vorjahr) und jeder bewahrte seine Gaben an einem (scheinbar) geheimen Ort bis zum Heiligabend auf.
Kurz vor den Festtagen ging man den Weihnachtsbaum kaufen (es war immer zuerst eine langwierige Suche nach dem geradesten, schönsten und preiswertesten Baum bei knappem Angebot). Am 23. Dezember wurde bei uns der Baum „geputzt“: Zuerst die Spitze, dann die schweren Kerzenhalter mit echten Kerzen, die guten Weihnachtskugeln und Glasschmuck, Strohsterne und zum Schluss das Lametta aus Stanniol (Zinnfolie). Der Baum stand in einem mit feuchtem Sand gefüllten Eimer, das erhöhte sowohl die Haltbarkeit als seine Standsicherheit.
Nun zur nächsten Hauptsache des Weihnachtsfestes: Das Essen. Am Heiligabend gab es immer Kartoffelsalat und wahlweise Bockwurst oder Bratwurst. Davor fand das Kaffeetrinken im Familienkreis mit selbstgemachtem Stollen (der beim Becker in der Nachbarschaft gemeinsam mit vielen anderen Stollen im Profi-Backofen gebacken wurde) und einer herrlich frischen Buttercreme-Torte (da gab es immer Streit und „Diebstähle“ wegen der Belegkirschen und der Creme-Rosetten unter uns Kindern) statt.
Nach dem Abendessen erfolgte dann die Bescherung, meist war ein Glöckchenklang aus dem verschlossenen Wohnzimmer das Startsignal, manchmal rumpelte der Weihnachtsmann im Treppenhaus und hatte den Geschenke-Sack vor die Wohnungstür gestellt. Die Tür wurde geöffnet und dann war Weihnachten in aller Pracht greifbar!
Der Anblick und der Duft eines Tannenbaums mit echten Kerzen hat sich mir (und sicher Tausenden und Abertausenden) als eine der schönsten Kindheitserinnerungen eingeprägt. Natürlich sagten alle Gedichte auf und sangen Weihnachtslieder, erst solo und dann die ganze Familie. Die Geschenke wurden ausgepackt und bewundert, gleich damit gespielt oder auch mit dem Zusammenbau begonnen; nebenbei naschten wir von den bunten Tellern und Mutter zog sich zur Vorbereitung des Essens für die nächsten Tage in die Küche zurück. Das waren dann Gänsebraten, Kasseler und bunter Hackbraten, selbstgemachter Rotkohl, Grünkohl und auch Schwarzwurzelgemüse.
Spatabends gingen wir dann schlafen mit dem Gedanken, noch zwei Feiertage gemeinsam verbringen, neue Spiele ausprobieren oder auch mit dem neuen Schlitten fahren zu können.

Vor 50 Jahren lief alles noch ruhiger ab, teilweise war auch etwas Ungewissheit dabei (ob man wirlich alles zur rechten Zeit und den Vorstellungen entsprechend bekam), das Konsumdenken und –verhalten stand noch nicht so im Vordergrund, sondern die Familie./HT

 

Tags: Allgemein · Nachtgeschichten

Von: BS