Blog Hotel Sylter Hof *Berlin*

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Unser Nighty erzählt … eine Geschichte aus der Straßenbahn

Juli 15th, 2016· Keine Kommentare

M6

Erlebnisse in der Tram oder Theater ohne Geld

In den letzten Wochen hat sich wieder einiges beim Tramfahren angesammelt, also hier meine neuesten Erlebnisse. Wiederholt musste ich feststellen, dass die BVG (speziell die Straßenbahner) eine Unfreundlichkeitsoffensive gestartet haben: Ich stehe im Wartehäuschen, weil es regnet – die Tram hält am äußersten Anfang des Bahnsteiges, sodass ich 10 Meter im Regen zu ihr hin laufen muss. Das ist mir drei Mal passiert, an verschiedenen Haltestellen. Oder ich sprinte zur noch stehenden Bahn; der Fahrer hat mich von vorn kommen sehen, klingelt ab und rauscht davon. Toller Service! Letztens wollte eine junge Frau mit Buggy vorn einsteigen, da sie die Tram noch knapp erreicht hatte. Wütender Kommentar des Fahrers: „Vorn könn’Se nich, Wagenmitte is für sowat!“ Und dafür müssen wir in ein paar Monaten mehr Fahrgeld hinblättern!

Aber es gab auch wieder Lustiges: Ein Mann setzte sich mit einem Terrier, nahm diesen auf den Schoß. Der Hund blickte sich im Wagen um, entdeckte ganz vorn einen anderen Hund und wurde unruhig zwecks Kontaktaufnahme. Sein Herrchen bemerkte das, hielt ihm die Augen zu und drückte mit sanfter Gewalt den Hundekopf nach unten. Es entspann sich ein stummes Ringen, immer wieder Freiwühlen, Hand auf die Augen, Kopf runter usw. Das Resultat der Bemühungen war letztendlich ein lautes Gebell des anderen Hundes, welcher das stumme Gerangel mitbekommen hatte.

Eine junge Frau bekam einen Anruf, plauderte mit ihrer Gesprächspartnerin völlig ungeniert über ihre jüngsten Party- und Bett-Erlebnisse und hatte die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Fahrgäste. Spannend ist es auch immer wieder feststellen zu müssen, wie wenig einige Berliner über die aktuelle Verkehrssituation (Schienenersatzverkehr, kurzzeitige Linienunterbrechungen etc.) Bescheid wissen. Kürzlich standen einige gerade Ausgestiegene völlig verdutzt vor den Infotafeln an der Haltestelle Landsberger Allee und stellten fest, dass gar kein S-Bahnverkehr diesen Bahnhof für mehrere Wochen auch nur tangieren wird. Als sie das realisiert hatten, fuhr die Tram bereits ab und sie durften auf die nächste warten. Und letztens hat doch tatsächlich ein Schüler einer älteren Frau unaufgefordert seinen Sitzplatz angeboten – das habe ich schon lange nicht mehr erlebt! Ich würde das rundweg ablehnen – so alt bin und fühle ich mich noch nicht. Was bekommt man noch so alles geboten? Notbremsungen wegen wagemutigen militanten Fahrradfahrern, welche Ampel-Rot für Grün halten, glückliche Mitbürger, welche beim blau-gelben Möbelriesen viel Geld lassen durften und ihre „Beute“ per Tram transportieren und Schulkinder, die in letzter Minute ihre Hausaufgaben vervollständigen und auch sonst viel Spaß am Leben haben.

Also heißt mein Fazit: Tramfahren bietet als Mikrokosmos einen unterhaltsamen, bildungs- und erfahrungsreichen Querschnitt des täglichen Lebens./ HT

Tags: Nachtgeschichten

Von: BS