Unser Nighty erzählt – heute ein wunderschönes Märchen

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Unser Nighty erzählt – heute ein wunderschönes Märchen

August 23rd, 2016· Keine Kommentare

NightyB

Ein Märchen für Erwachsene

Es war einmal ein Land, in dem es keine Schimpfworte gab. Ja, wirklich –  nicht eines war den Bewohnern geläufig! Wie das? Was war, wenn sich einer beim Gemüseputzen in den Finger schnitt? Ganz einfach – er stillte zuerst die Blutung, nahm eine kleine Schaufel, dann lief er ins Freie. Dort grub er ein kleines Loch und sprach ein paar Worte hinein. War es ein größerer Schnitt oder etwas sehr Schmerzhaftes bzw. Unangenehmes, dann konnte aus dem Sprechen auch mal ein Schreien werden. Danach wurde das Loch wieder mit Erde gefüllt und der Boden festgeklopft. Ein paar Wochen später wuchs an dieser Stelle dann ein kleiner, stachliger Busch. Diesen riss der Verunfallte  heraus und verbrannte ihn. Deshalb sah man trotz der großen Einwohnerzahl nicht viele solcher „Schmerzbüsche“. Das war das eine. Und was passierte bei Meinungsverschiedenheiten oder gar politischem Streit?

Die Kontrahenten stutzten kurz, wenn sie feststellten, dass jemand eine andere Meinung hatte und sich von dieser nicht abbringen ließ. Dann fragten sie einander: „Wirklich?“ Wurde das bejaht, gingen beide ins Freie, nahmen ihre Schäufelchen und vollführten dasselbe Ritual wie beim Schmerz. Nun zogen sie mehrere Personen hinzu und akzeptierten die Meinung der Mehrheit. Toll!

Regenwetter ertrugen die Einwohner ebenso wie Hitze oder Kälte, denn man konnte am Wetter ja nichts ändern. Sich entsprechend kleiden aber schon. Und da es keine Schimpfworte gab, hatten sie in ihrer wohlklingenden Sprache mehr Platz für Nettigkeiten. So konnte ein Dankeschön-Sagen schon mal eine Viertelstunde in Anspruch nehmen oder eine Verabschiedung zog sich über Stunden hin, da man sich viele nette Worte sagte.

So war es denn nur logisch, dass es auch keine Hektik oder Stress gab! Menschen aus anderen Ländern erkannte man sofort an ihrer Eile, den Mienen und an der Sprache. Schimpfen durften diese nicht im Freien oder in der Öffentlichkeit. Darüber wurden sie ausgiebig an der Grenze belehrt. Sollte der eine oder andere doch mal unbekannte (böse) Worte benutzen, ließen ihn die Einwohner blitzschnell alleine stehen und zeigten ihre Schäufelchen von Ferne. Bei Fremdsprachen war das Schimpfen oder Streiten kein Problem, man verstand ja nicht, was der oder die anderen sagten.

Es war ein schönes, harmonisches Leben im Land ohne Schimpfworte und wäre es bis heute geblieben. Warum das nicht mehr so ist? Weil plötzlich keine stachligen Büsche mehr aus den Löchern wuchsen, sondern prächtige Blumen. Der eine konnte buntere aus seinen „Schimpflöchern“ erzielen, als der andere und irgendwann entbrannten Wettbewerbe um die besten „Schmerz- bzw. Schimpfblumen“. Die Einwohner unterhielten sich dann darüber und tauschten ihre Wörter untereinander. Eines Tages wurden sie des Löcherbuddelns überdrüssig und sprachen die „bösen“  Wörter laut aus. Das war das Ende der Harmonie und ihr Land war bald ein Land wie jedes andere.

Tags: Nachtgeschichten

Von: BS